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Sexualität ist immer mehr, als der eigentliche Akt
Im Laufe unseres Lebens, vor allem die Zeit, in der wir in der Bindung zu unseren Eltern lernten, wie Bindung funktioniert, haben wir eine emotionale (gefühlsbestimmte) Erfahrungsgeschichte ausgeformt. So lernten wir vielleicht uns im Leben vorsichtig zu verhalten, weil wir in abenteuerlichen Kinderaktionen uns die Welt zu erobern versuchten, von ängstlichen Eltern aber stets gebremst wurden; vielleicht haben wir sogar in der ersten Zeit als Säugling bei Erkundungen der Umwelt auf die Finger bekommen. Oder wir lernten uns anzupassen, um nicht den Zorn oder die Überforderung eines Elternteils zu provozieren. Vielleicht lernten wir mit wenig zufrieden zu sein, weil nicht mehr bei diesen Eltern zu holen war. Vielleicht lernten wir in dieser Beziehungsgeschichte schneller als ein aufgebrachter Elternteil zu sein und ergriffen die Flucht oder nahmen stets vorsorglich eine Verteidigungshaltung ein. Wir alle bildeten in dieser Zeit der Bindung Verhalten aus, das uns half, diese Zeit zu bewältigen oder sie so zu gestalten, dass wir unseren Eltern eine Freude waren, weil wir von ihrer Liebe abhängig waren. Diese Bindungsgeschichte formte damit auch unser »erotisches Schema« (Perel 2015). Gemeint ist damit, wie wir erotische Beziehung zu anderen Menschen und zu uns selbst gestalten, leben oder ersehnen, mit allem, was darin erlaubt und ebenso verboten ist: Sage mir, wie du geliebt wurdest, und ich sage dir, wie du Liebe machst.
Gingen deine Eltern auf deine Bedürfnisse ein oder wurde von dir erwartet, dass du ihre regulierst?
Hast du dich an deine Eltern in emotionaler Not wenden können oder flüchtetest du, um nicht noch mehr verletzt zu werden?
Wurdest du auf deiner Suche nach Schutz zurückgewiesen – erniedrigt – verlassen?
Wurdest du gehalten, umarmt und gewiegt?
Wurdest du ausgehalten, wenn du schwierig warst – krank – oder bedürftig?
Wurdest du ermutigt Neues zu tun oder zu experimentieren?
In vielen Lektionen lernen wir als Kind und Jugendlicher wer wir zu sein, und wie wir uns zu verhalten haben. Dies schlägt sich unmittelbar in unserem erotischen Leben als Erwachsener nieder. In unserer Familie entwickelten wir einen Sinn dafür, ob und wann es uns gut gehen darf und wann andere durch unsere Lust (die natürlichen Impulse des Kindes) verletzt werden könnten. Alle diese Erfahrungen formten unsere Vorstellungen über uns selbst und was wir von anderen Menschen erwarten (dürfen und nicht dürfen). Ein Teil dieser emotionalen Ausformung ist uns bewusst, viele bleiben davon jedoch unausgesprochen und viele sogar einem selbst verborgen. Es gibt also eine enge Verknüpfung zwischen unserer Erfahrung aus der frühen Bindung als Kind - emotional gespeichert als unerfüllte Erwartungen, innere Kämpfe, Hoffnungen und Enttäuschungen, die in der sexuellen Begegnung angestoßen, getriggert werden – und dem sexuellen Akt an sich.
Sexualität ist also nicht nur etwas, was wir als Akt tun, sondern ein Ort, ein Raum, in dem auf einer Art Unterbühne gleichzeitig noch viel mehr passiert. Auf der Bühne macht das Paar Sex miteinander; unter dieser Hauptbühne gibt es noch eine weitere Bühne, die Unterbühne. Auf ihr werden die alten Erfahrungen der Bindung mit der Hauptbühne verglichen und ausagiert. Die erotische Landschaft, was Sexualität tatsächlich alles bedeutet, geht über das statistische Merkmal der Häufigkeit des Liebemachens hinaus („Dreimal in der Woche ist zu viel, zweimal zu wenig.“). Sie ist verwirrend, besetzt mit komplexen Bedürfnissen aus Kindertagen und von Erwartungen, die aus gesellschaftlichen Ansprüchen, Vorgaben und Bildern gespeist wurden und werden. Im Sex wird Liebe, Rettung, Bestätigung, Genuss, Ekstase, Gesehenwerden, sogar spirituelle Vereinigung gesucht und leidvoll Erlebtes reinszeniert oder in umgekehrten Rollen kompensiert. Für den einen ist es das wunderbare Gefühl gewollt zu sein und umsorgt zu werden und für den anderen das Erleben, Verantwortung zu haben, die vermuteten Erwartungen des Partners gut zu erfüllen. Für den einen ist es ein Akt der Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen und der Reiz, die Regeln guter Bürgerlichkeit ins Wanken zu bringen und für einen anderen die Erlaubnis, Verantwortung abgeben zu dürfen und seine familiären Rollen hinter sich zu lassen.
Fallbespiel
Rosa mochte den Sex mit ihrem Mann Frank früher zu Beginn der Beziehung sehr gerne. Mit der Zeit wurden die sexuellen Begegnungen von ihr ausgehend immer seltener und jetzt nach fünf Jahren schlafen sie nur noch etwa alle drei Monate miteinander. Rosa hat Frank gegenüber ein schlechtes Gewissen, Frank versucht Verständnis zu haben und nimmt seine sexuellen Bedürfnisse zurück, so lange, bis er seine Unzufriedenheit nicht mehr verbergen kann. Dann kommt es zum Streit.
In unserem Ansatz der systemischen Therapie wird erkundet, welche Bedeutung, welche Rolle Sexualität im Leben von jedem Einzelnen der beiden spielt: „Was bedeutet Sex für Sie?“ oder „Was möchten Sie in Ihren sexuellen Begegnungen erleben?“
Rosa erklärt, dass Sex für Sie Entspannung, Genuss und Fallen-lassen bedeutet. Doch dass dies für sie zunehmend schwieriger wurde, weil sie im Kopf mit den Aufgaben des gemeinsam geführten Betriebes beschäftigt ist.
Als Kind hat Rosa gelernt Verantwortung für den Haushalt und die Geschwister zu übernehmen. Es gab immer etwas zu tun und sie hatte nie die Zeit etwas für sich zu tun. Ein Buch zu lesen oder einfach nur dazusitzen war nicht möglich, die Geschwister wollten beschäftigt sein und die Eltern brauchten sie zur Entlastung. Tat sie es doch, wurde sie von den Eltern gefragt, ob sie nichts zu tun hätte. Tat sie es heimlich, dann zum Preis des schlechten Gewissens.
Was hat Rosa in der Bindungszeit gelernt?
Rosa lernte, dass es gut und erwünscht ist, für andere und deren Bedürfnisse da zu sein. Im Gespräch mit ihr wurde deutlich, wie sehr sie dies im Betrieb umzusetzen versuchte. Sie war für den Auftragskalender ihres Mannes, die Einteilung der Angestellten und zuletzt auch noch für die Kunden da. Das machte sie gut, perfekt, das hatte sie von klein auf gelernt. Wenn sie dann abends von ihrem Mann ein erotisches Angebot bekam, dann war ihr Korb, aus dem sie ihre „Gaben verteilte, leer“. Mit dieser Formulierung wurde ihr deutlich, dass Sex für sie ausschließlich ein Akt des Gebens und für den Anderen da sein bedeutet. Für sie bedeutete Sex, dass sie jetzt im Bett auch noch (für andere) da sein sollte. Wieso war das sexuelle Leben zu Beginn der Beziehung lebendiger? Weil sie in dieser Zeit nicht im Arbeitsprozess des Betriebes mit all seinen Aufgaben eingebunden war. Sie war frei und hatte kein Kind und keinen Betrieb zu versorgen. Sextechniken im Kamasutrastil, Sex im Kornblumenfeld oder ein erotisches Event mit Sexspielzeug würden als Lösungsansatz ihres Problems bloß noch mehr Stress verursachten. Rosas innere Haltung braucht Veränderung: Nehmen, sich zumuten, egoistisch sein, sich abgrenzen und bei sich bleiben sind Zutaten für Rosas neuen Weg.
Frank hat als Kind durch seinen gewalttätigen Vater gelernt, rücksichtsvoll zu sein. Er will ein besserer Mann als sein Vater sein. Deshalb darf er nicht aggressiv sein, muss viel Verständnis haben und darf das Eigene nicht so in den Vordergrund rücken. Sein Verständnis und die Bereitschaft, seine Bedürfnisse immer wieder zurückzustellen, haben mit dazu beigetragen, dass dieser für beide leidvolle Umstand sich so lange halten konnte.
Es ist nicht spaßig der verlangensschwache Partner zu sein: Er fühlt sich defekt und unzulänglich. Auch für den verlangensstarken Partner ist es nicht besonders spaßig: Man könnte ihn für den „Gesunden“ halten, doch dieser fühlt sich ebenso unzulänglich. Er fragt sich vielleicht, wieso er nicht gewollt wird, ob er unattraktiv ist und welchen Grund es noch geben könnte, dass er nicht begehrt wird.
Der verlangensschwache Partner kontrolliert den Sex, ob er will oder nicht und unabhängig davon, ob er es weiß oder will. Der Partner mit dem schwächeren Verlangen hat die Kontrolle darüber ob, wo, wie oder wann es zu sexueller Aktivität kommt.
Der Partner, der interessiert ist an einer tatsächlichen Lösung muss seinen Partner, der sich nicht verändern will, mobilisieren. Er muss deutlich machen, beide einen Konflikt haben. Beide sind an eine Grenze gestoßen, die sie noch nicht überwinden können. Weil ihnen die Kompetenz für die Bewältigung dieses Konfliktes fehlt, kommen sie nicht weiter. Beide stehen an dieser Grenze und erleben sich jeweils vom anderen Partner verletzt:
Partnerin: „Du schläfst nicht mehr mit mir, weil du mich wahrscheinlich nicht mehr liebst.“
Partner: „Ich muss dafür in Stimmung sein und bei dem vielen Stress in der Arbeit, habe ich den Kopf nicht frei.“
Partnerin: „Das sagst du schon die ganzen Jahre und nichts ändert sich.
Partner: „Wenn du mich so unter Druck setzt, geht es erst recht nicht. Selbst wenn du nichts mehr sagst, weiß ich, was du von mir willst. Du hörst einfach nicht auf, mich unter Druck zu setzen.“
Der verlangensschwache Partner versucht seinen Selbstwert zu retten, indem er zu dem verlangensstarken Partner sagt: „Du hast ein Problem, nicht ich.“ Je abhängiger der verlangensschwache Partner von seinem Selbstempfinden ist, wie er von anderen wahrgenommen wird, umso schlechter kann er es ertragen, als nicht in Ordnung gesehen zu werden. Sobald seine „Mängel“ zutage treten, zerbricht das korrekte Bild und der emotionale Notstand könnte durchscheinen. Wenn man den anderen beschuldigen kann, hält man sein instabiles Selbstbild einigermaßen aufrecht. Sowohl im Bereich der Intimität (Nähe herstellen) als auch in dem der Sexualität (miteinander schlafen) verliert der verlangensschwache Partner die Kontrolle über die Beziehung, wenn der Verlangenssstarke ein stabiles und flexibles Selbst entwickelt und sich offenbart, indem er seine Gefühle offenlegt, ganz bei sich bleibt und Verantwortung für das Gestalten des eigenen Lebens übernimmt:
Verlangenssstarker Partner: „Ich merke, wie ich mich abhängig mache, ob du mich willst, ob du mich begehrst oder nicht. Ich will mit dir Sexualität erleben und um sie mit dir zu erleben, brauche ich dich. Ich habe es nicht in der Hand zu bewirken, dass du mich brauchst und mich begehrst. Das kannst nur du für dich selbst klären. Ich hatte bisher immer die Angst, wenn ich mich zeige, wie ich gerne bin, wenn ich mich zeige mit meinen tatsächlichen Bedürfnissen und Gefühlen, dann bin ich unverschämt oder nicht die Richtige für dich. Du musst jetzt herausfinden, ob ich mit dem, was ich jetzt zeige und möchte für dich und dein weiteres Leben passe. Ich sage dir ab jetzt, auf was ich verzichten kann und auf was nicht, wie ich was brauche und gerne hätte. Wenn du dich damit unter Druck gesetzt fühlst, dann ist das dein Gefühl, das du in dir machst. Ich bleibe bei mir und offenbare mich, indem ich dir zeige, welche verletzten Seiten ich habe. “
Wenn der Partner in einer Beziehung, in der ein Zustand emotionaler Verschmelzung bisher bestanden hat, jetzt bei sich selbst bleibt, fühlt sich der andere Partner dadurch bedroht und kontrolliert. Wenn ein Partner anfängt, ein stabiles und flexibles Selbst zu entwickeln, verliert der andere seine Möglichkeiten, die ihm vorher offenstanden: den Partner des Drängelns zu beschuldigen, sich zu verteidigen und dann sich als Opfer zu erleben, den anderen als Verursacher des schlechten Gewissens verantwortlich zu machen, sich von ihm zurückzuziehen und ihm die Schuld dafür geben oder eine Trennung anzudrohen, ohne sie zu tun. Das sind alte Spiele und von manchen Paaren leidvoll lange Jahre praktiziert. Eine befreiende, aber unattraktive Möglichkeit wäre, sich zu entwickeln. Das verlangt von beiden Partnern, durch die Situation hindurchzugehen. Lösungen zu einigen Problemen finden wir oft erst, indem wir sie durchlitten haben, weil Lösung in diesen Fällen die Entwicklung ist.
In der emotionalen Dynamik zwischen Frank und Rosa gibt es einen scheinbaren Täter und ein scheinbares Opfer. Das Paar hat sich seine Rollen aufgeteilt. Der eine hat die Rolle des Bedrängenden, der will und der andere die Rolle des Bedrängten, der nicht kann. Die angeblichen Lösungen, den anderen zu mehr Verständnis aufzufordern und ihn bitten abzuwarten, bewirken nichts. Genauso wenig, wie den Partner in einer Art Kommunikationstraining beschreiben zu lassen, wie er angefasst werden möchte. Die Lösung des einen ist das Problem des anderen. Was für einen Partner einen Ausweg darstellt (Erklär mir, wie ich es machen soll), ist für den anderen gerade Teil des Problems (Es geht nicht ums Machen an sich). Wenn wir im Bild eines Verfolgers und eines Flüchtigen oder eines Bedrängers und einem Bedrängenden bleiben, bleiben wir auch im alten Teufelskreis. Nur ein Perspektivenwechsel kann hier lösen.
Beide stehen sehr stark unter Leidensdruck. Beide sind mit ihren gegenseitigen Vorwürfen einem großen Spannungspotenzial ausgesetzt. Doch der Konflikt der beiden birgt gleichzeitig auch einen Gewinn. Das mag verrückt klingen. Um Teufelskreisen zu entkommen, braucht es so etwas wie einen Sprung aus dem logischen Denken.
Folgen Sie mir und lassen Sie sich auf diese verrückte Sichtweise ein, dass hier auch ein Gewinn versteckt sein könnte.
Schauen wir uns zunächst Rosas Gewinn an: Rosa gestaltet den Konflikt so, dass sie ihr eigenes Begehren verstecken kann. In der Verteidigungshaltung braucht sie sich selbst nicht die wichtigen, aber auch Angst machende Fragen zu stellen. Es sind Fragen, die Aufschluss darüber geben, wie ihre Einstellung zur Sexualität ist. Vor allem, welche Tabus und persönliche Hintergründe es bei ihr gibt. Sie schiebt dem Partner die Verantwortung für die Lösung zu (Du müsstest mehr Geduld haben). Sie ist damit frei von Verantwortung, also unschuldig, wenn es nicht weiter geht (Wenn du mich dauernd so drängst, geht gar nichts mehr). Solange sie ihre eigenen Impulse ihres Begehrens nicht selbst aktiv angeht und sich nur vereidigt, geschieht nichts. Sie ist geschützt sich mit ihrer weiblichen Selbstunsicherheit, ihrer Überverantwortlichkeit für andere (und was diese mit ihrer Biografie zu tun hat) auseinanderzusetzen.
Mara muss sich mit ihrer »sexuellen Selbstdefinition« (Clement) beschäftigen, was Sexualität über den Akt an sich hinaus bedeutet:
Was macht mein sexuelles Profil, mein sexuelles Begehren als Frau aus?
Was bedeutet Sex für mich? Generell? Derzeit mit meinem Partner?
Was würde es für mich bedeuten mich als sexuelles, begehrendes Wesen zu zeigen?
Was würde es für mich bedeuten, den Partner als sexuelles Wesen wahrzunehmen?
Welche Konsequenzen verlangt dies von mir?
Was wäre ich dann für eine Frau?
Schauen wir Franks Gewinn an: Frank gestaltet den Konflikt so, dass er sich in seiner männlichen Rolle nicht in Frage stellen muss, denn er will ja, und es liegt an der Partnerin, wenn »es« nicht zu Stande kommt. Er schreibt ihr einen Mangel und die Krankenrolle zu. Damit braucht er sich nicht mit einer möglichen Begrenztheit seiner eigenen sexuellen Ausdrucksweise auseinander zu setzen. Vielleicht wäre es für ihn mit der Zeit Stress dreimal in der Woche begehrt zu werden. Vielleicht müsste er sich in seinem sexuellen Repertoire variationsreicher entwickeln und den derzeitigen Stand seines Selbstwertes prüfen. Diese Weiterentwicklung bleibt ihm in seiner Position des Bedrängenden erspart. Auch er muss sich Fragen zu seinem sexuellen Profil stellen:
Was macht mein sexuelles Profil, mein Begehren als Mann aus?
Was bedeutet Sex für mich? Generell? Derzeit mit meinem Partner?
Was bedeutet es für mich, mich als sexuelles Wesen zu zeigen?
Was bedeutet es für mich, den Partner als sexuelles Wesen mit eigenen Wünschen wahrzunehmen?
Wenn der Partner sich sexuell so verhielte, wie ich es mir wünsche, was würde das langfristig für mich bedeuten? Und was, wenn nicht?
Welche Konsequenzen verlangt dies von mir?
Welche Sicherheiten verliere ich dabei?
Augenblicke der Begegnung initiieren Intimität
Beziehungen brauchen Augenblicke der Begegnung. Solche Erlebnisse gemeinschaftlich intensiver Erfahrung spielen in Beziehungen zwischen Menschen von Geburt an eine wichtige Rolle und insbesondere beim Sex. Es handelt sich um ein Erlebnis von besonderer Qualität: Im gemeinsamen Tun des Teilens und der daraus entstehenden Gefühle, erlebt sich der eine vom anderen sich als wahrgenommen und verstanden. Das Gehirn sendet Bindungshormone in den Körper und intensiviert die Begegnung. Gemeinsam etwas tun reicht jedoch nicht für eine Begegnung, um Intimität herzustellen. Im gemeinsam praktizierten Sex kann man meilenweit vom anderen Partner entfernt sein. Entweder man steht unter Stress und ist nicht bei sich oder spaltet Gefühle der Nähe von sich ab, um sich vor Intimität zu schützen.
Sich zu erkennen geben, von sich etwas zu zeigen, ist sehr intim. Dies gelingt umso leichter je sicherer ich mir selbst bin, denn sich zu zeigen macht Angst. Im Offenbaren meiner (scheinbaren) Schwächen, meiner unattraktiven Seiten bin ich verletzlich. Insofern wird es erklärlich, warum sogenannte Erektionsstörungen keine Erektionsstörungen an sich sind. Sie können in der ersten Begegnung „passieren“, weil die vermuten Erwartungen Angst erzeugen. Oder sie tauchen später auf, wenn die Beziehung verbindlicher wird, und damit gefährlicher für den, der Angst haben muss, seine Freiheit zu verlieren. Sexuelle Symptome sind also immer in ihrer seelischen, emotionalen Bedeutung zu entschlüsseln und nicht unbedingt technisch zu lösen. Sie sind eine Art Sprache mit Botschaftscharakter, die viel über den Besitzer des Symptoms aussagt: den Status quo seiner Beziehung, von Teilaspekten seiner Biografie und den Grad seines Selbstempfindens, ob er eher hoch oder niedrig ist.
Eigentlich sollte man oder frau sich gar nicht so sehr fürchten vor diesen verletzlichen, empfindsamen Gefühlen in der erotischen Begegnung. Gerade diese Verletzlichkeit regt im Partner die von uns erhoffte Zuneigung, Wärme und Sympathie an. Deshalb kann es wichtig sein, dass sich beide Liebende HIN UND WIEDER beim Sex anschauen: die so entstehende Situation lässt Begegnung zu und fördert Intimität: Ich mache mich sichtbar, während ich mit dem Partner beim Sex bin. Ich lasse mich in meinem Ausdruck der Lust wahrnehmen und zeige dem anderen Partner meine gegenwärtigen Gefühlserlebnisse, auch den Moment des Orgasmus. Die Spiegelneuronen (Bauer) des Partners greifen diese Gefühlsausdrücke auf und der Partner schwingt in dieser Begegnung mit.
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Michael Knorr

